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Pädagogen mit Namen Gottsleben in Hamburg
 

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Carl F. Gottsleben (1873-nach 1949)

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Erwin Gottsleben (1901-1982)

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Charlotte Gottsleben (1908-1986)

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Michèle Gottsleben (1949-)

Carl F. Gottsleben (geb. 1873 - gest. nach 1949)

Carl F. Gottsleben (geb. 30. Juni 1873) nahm nach Besuch des Lehrerseminars im hessischen Homberg am 17. April 1893 seine Lehrertätigkeit in Hamburg auf. Am 1. April 1898 wurde er in den hamburgischen Volksschuldienst übernommen und ein Jahr später fest angestellt. Nach dem Ersten Weltkrieg unterrichtete Carl Gottsleben bis 1925 an der Schule Eppendorfer Landstraße 17, danach ab Schuljahr 1925/26 an der Hilfsschule Opitzstraße und ab Schuljahr 1929/30 bis zu seinem Ruhestand am 1. Juli 1931 an der Hilfsschule Ausschläger Elbdeich 3. Carl Gottsleben ließ sich - beeindruckt durch Vorführungen rhythmischer Gymnastik auf dem Hamburger Kunsterziehungstag 1905 - von dem Schweizer Emile Jaques-Dalcroze (1865-1950) in musikalisch-rhythmischer Gymnastik ausbilden, wirkte als Rhythmiklehrer in Laienkreisen und am Brahmskonservatorium und engagierte sich stark für die Aufnahme der rhythmischen Erziehung in den Hamburger Lehrplan. Im Jahre 1911 begann Gottsleben erfolgreich mit den Werbungen für die Gründung einer öffentlichen Musikalien-Ausleihe in Hamburg. Die Musikbibliothek wurde dann 1915 als eigenständige Einrichtung unter dem Namen Öffentliche Musikalien-Ausleihe (musikalische Volksbibliothek) gegründet und 1940 unter dem Namen Musikbücherei, später Musikbibliothek in das System der Bücherhallen Hamburg integriert. Carl Gottsleben wohnte in Hamburg 19, Lastropsweg 30 I, dann Rellinger Str. 116 und ab 1939 in Immenbeck bei Buxtehude.
     
In einem Brief an William Lottig schildert Carl Gottsleben seine Begeisterung für die Rhythmische Gymnastik nach Dalcroze und sein Mitwirken beim Versuch, die Rhythmische Gymnastik in Hamburgs Schulen einzuführen.

Brief von Carl Gottsleben an William Lottig

In der Hamburger Lehrerzeitung vom August 1949 berichtet William Lottig in einem Beitrag »Neue Wege - alte Wege« über den Besuch einer Hamburger Abordnung von Schulsynode und Oberschulbehörde in der Bildungsanstalt Hellerau bei Dresden vor 1914. Die Reformpädagogen wollten die Einrichtung von Versuchsschulen in Hamburg durch das Studium neuer Schulformen vorantreiben und in unserem Fall die in Hamburg durch die Initiativen von Carl Gottsleben vorgestellte und in Dresden-Hellerau seit 1910 erstmalig praktizierte Rhythmische Gymnastik an Ort und Stelle näher kennen lernen. In dem nachfolgenden Brief an William Lottig schildert Carl Gottsleben die näheren Umstände, die nach 1905 dazu geführt haben, die Rhythmische Gymnastik nach Dalcroze und später nach dem Hellerauer Vorbild an Hamburgs Schulen einzuführen.

Carl Gottsleben, Krankenhaus Ebenezer, (24a) Hamburg, den 14.9.1949
An Herrn W. Lottig zum Beitrag
»Neue Wege - alte Wege« in der »Hamburger Lehrerzeitung«, August 1949

Sehr geehrter Herr Lottig!

Wenn, wie ich, ein 76jähriger, über 1/2 Jahr im Krankenhaus liegt
(eitrige Rippenfellentzündung) hat er nur noch Interesse an seinen
Leiden. Ausnahme: Wenn die Hamb. Lehrerzeitung kommt. Eine Freude!
Sofort wird sie durchstudiert. Noch größer ist die Freude, wenn
man darin ein Lebenszeichen Lottigs, des alten Bannerträgers der
Gesellschaft [
der Freunde des Vaterländischen Schul- und Erziehungswesens]
n
ach der Zeitwende findet. Und nochmals gesteigert
wurde meine Freude, als ich aus Ihrem Bericht sah, daß die Arbeit,
die ich als mein Lebensziel gewählt hatte, jetzt endlich die ge-
wünschte Anerkennung findet, wenn auch nicht auf der ganzen Linie;
die rhythmische Gymnastik. Sie geben Beispiele: Die Kinder auf dem
Rasen des Einbecker Jugendheimes, den Barsbütteler Kursus. Sie
erwähnen Ihren Besuch mit Fricke in Hellerau. Darf ich fragen:
"Wie hat sich dieser Besuch im Hamb. Schulwesen ausgewirkt?" -
Darf ich nun einige Ergänzungen bringen. Ich bitte Sie, diese
nicht als Ausdruck verletzten Ehrgeizes zu betrachten (sie sind
deshalb nur für Sie persönlich und nicht zur Veröffentlichung
bestimmt), sie sollen nur zur Wahrheitsfindung dienen. -
Auf dem Hamb. Kunsterziehungstag 1905 wurde rhythmische Gymnastik vor-
geführt. Ich wurde gepackt, ich erkannte sofort die große Bedeu-
tung des Dargebotenen. Mir war klar: Das ist meine Lebensaufgabe.
Ich setzte mich sofort mit Dalcroze in Genf in Verbindung, stu-
dierte seine Werke und ließ mich ausbilden. Ich veröffentlichte
einen Aufsatz in der "Päd. Reform" der als Leitartikel erschien. Ich
kämpfte im Lehrerrat (Gegner Jöde) und in verschiedenen Ausschüssen
für die rhythm. Gymnastik. So auch im pädagogischen Ausschuß.
Vergebens! Den stärksten Widerstand fand ich im Musikausschuß, des-
sen Mitglied ich war, durch - [Schulinspektor Heinrich] Fricke! Aber immer wieder kam ich
mit Anträgen, bis Fricke einmal sagte, er wäre froh, wenn er end-
lich mal von der Sache nichts mehr hören würde. - An einer Stelle
fand ich Verständnis, bei einem Nichtlehrer: Senator v. Barenberg-
Goßler. Er schickte mich auf eine Woche nach Basel zum Hospitieren
in der Baseler städtischen Höheren Töchterschule, in der auf dem
Kindergarten aufbauend, in weiter Differenzierung, hauswirtschaft-
liche Züge, Klassen für die Vorbereitung zum akademischen Studium
usw. sich anschlossen. Dort war die rh. G. von einem der engsten
Mitarbeiter von Dalcroze, Paul Böpple eingeführt und mit den größten
Erfolgen durchgeführt.

         In Hamburg wirkte ich dann in Laienkreisen
(u. a. in Vereinigungen der SPD) und erwarb Erfolge, Anerkennung
und Dankbarkeit. Math. Meyer unterstützte mich bei Versuchen,
die Wirkung der rhythm. Gymnastik auf Hilfsschüler (I) zu studieren
die ich in Verbindung mit Neumann und dem psychologischen Laborato-
rium (Phil. Seminar) unternahm. Das Brahmskonservatorium beauftragte
mich mit dem rhythm. Unterricht bei Schülern des Konservatoriums.
1913 wurde ich von Dalcroze, der inzwischen nach Hellerau übergesiedelt
war, und Dr. Dohrn zum Besuch der Festspiele in Hellerau eingeladen.
ich berichtete darüber in einem Aufsatz in der "Pädagogischen Reform“
und begeisterte damit Wilh. Paulsen zu hellen Flammen, wie auch
Dalcroze mir mehrfach seine Anerkennung für meine Aufsätze und Ar-
beiten in Zeitschriften ausgesprochen hat -. Im weiteren Verlauf
der Zeit gelang es mir, die Hellerauerschule zu 2 Vorführungen
in Hamburg zu veranlassen, und mit einigen Mitarbeitern zur Durch-
führung zu bringen: eine für die Lehrerschaft, eine zweite für die
Öffentlichkeit. Wilh. Paulsen faßte unter dem Eindruck dieser Vor-
führung den Entschluß, seine Schwägerin in Hellerau ausbilden zu
lassen. Und nun endlich erkannte auch Heinr. Fricke die Bedeutung
der rh. G. und fuhr mit ihnen nach Hellerau. Nach seiner Rückkehr
war ich in einer anderen Angelegenheit in seinem Arbeitszimmer.
Nach der amtlichen Unterredung ergriff er spontan meine Hand und
sagte: "Herr G., ich muß Ihnen herzlich danken dafür, daß ich
durch Sie nach Hellerau gekommen bin. Es war das größte künstlerische
Ereignis meines Lebens. Ich habe mich dort in eine Ecke gestellt
und habe Tränen vergossen" … Als im 1. Weltkriege von den Deutschen
die Kathedrale von Reims beschossen wurde, weil angeblich der Turm
als Französischer Beobachtungsposten benutzt wurde, veröffentlichten
namhafte Personen in den Feindländern einen flammenden Protest gegen
die Beschießung. Er trug auch die Unterschrift von Dalcroze, der
bei Kriegsbeginn zufällig in Frankreich weilte. Nun entstand in
Deutschland eine Hetze gegen D. nicht nur gegen seine Unterschrift,
nein, vor allen Dingen gegen seine künstlerische Arbeit. Man über-
goß ihn mit Spott und Hohn, nannte ihn "Hoplamännchen", seine "Hosi-
annarufer" verwandelten sich in "Kreuzigeschreier" (z.B. die Zeit-
schrift "Jugend" und der bisherige Verfechter von D., der bekannte
Dresdner Kunstkritiker Schumann). Gegen diesen Rummel wandte sich
eine von etwa 12 Personen unterzeichnete, in ganz Deutschland ver-
breitete Erklärung, und auch ich wurde zur Unterschrift aufgefordert.
Zu meinem Erstaunen sah ich kleines Menschlein meinen Namen zwischen
denen von Prominenten. –

Aus der Zeit zwischen den Weltkriegen kann
ich erwähnen, daß ich im Seminar für rh. G. in Godesberg zu einer
Prüfungskommission zugezogen wurde, zu der auch Elfriede Feudel
gehörte. (Kennen Sie ihr ausgezeichnetes Buch?) --
Zum Schluß bitte ich Sie nochmals, mich nicht als beleidigte "Leber-
wurscht" anzusehen, sondern die Angelegenheit so zu betrachten, wie
sie gemeint ist.
Ihnen persönlich, als einem von mir stets hochgeschätzten Führer in
der "Gesellschaft" wünsche ich weiterhin körperliche und geistige
Frische und grüße Sie

gez. Ihr alter Carl Gottsleben.

In den alten Hamburger Lehrerverzeichnissen finden wir neben Carl F. Gottsleben noch seinen Sohn, den Gymnasiallehrer Erwin R. O. Gottsleben und seine Schwiegertochter, die Volksschullehrerin Charlotte Gottsleben.

Erwin R. O. Gottsleben (geb. 1901; gest. 1982)

Erwin R. O. Gottsleben gehörte zu einer kleinen Gruppe der "alten Garde", die schon vor der Machtübertragung an die Nationalsozialisten in Hamburg, insbesondere im NSLB [Nationalsozialistischen Lehrerbund] aktiv gewesen war. Diese Gruppe, zu der auch Heinrich Hehn und Guido Höller zählten, führte einen erbitterten Kampf gegen den von Gauleiter Karl Kaufmann protegierten neuen Gauamtsleiter des NSLB, Willi Schulz, gegen den sie vor das Parteigericht zog. Diese Auseinandersetzung war für sie nicht zu gewinnen und so machte auch Erwin Gottsleben im Hamburger Schulwesen keine Karriere. Bemerkenswert war, wie sich Gottsleben im Entnazifizierungsverfahren äußerte.
      Erwin Gottsleben wurde am 22.5.1901 in Hamburg als Sohn des Lehrers Carl Gottsleben geboren. Nach dem Besuch der Volksschule wechselte er zur Oberrealschule auf der Uhlenhorst, an der er 1920 die Reifeprüfung bestand. Danach begann er an der Universität Hamburg Chemie zu studieren, wechselte danach an die Universitäten Leipzig und Jena.
      In seinem handgeschriebenen Lebenslauf beschrieb er, wie sich im Laufe der Studienzeit sein Berufswunsch veränderte, deutlich wurde aber auch, wie sehr die ökonomische Situation in der Weimarer Republik und die materiellen Einschränkungen diese Generation belasteten: "Schon seit Beginn meiner Studienzeit tendierte meine Neigung weniger auf den Beruf des Chemikers in der Industrie als vielmehr auf den Beruf des Lehrers der Naturwissenschaften. Ich hatte aber den Chemikerberuf gewählt, weil die Aussichten für die Oberlehrerlaufbahn damals gar zu trostlos waren. In Jena nahm ich jedoch die Gelegenheit wahr, bei dem Senior der Herbartischen Schule, Wilhelm Rein, pädagogische Vorlesungen zu hören. Die Pädagogik nahm seitdem einen erheblichen Teil meines Interesses in Anspruch."
      1923 entschied Gottsleben dann, sich auf den Lehrerberuf zu konzentrieren. Er nahm als zweites Fach Biologie dazu und legte vom 9. bis zum 11. November 1925 die wissenschaftliche Prüfung für das Lehramt an den höheren Schulen an der Universität Hamburg ab. Zur Prüfungskommission gehörten, wie bei vielen anderen auch, Prof. Gustaf Deuchler, der spät ein glühender Nationalsozialist wurde, und Prof. William Stern, Psychologe, der als Jude nach 1933 emigrieren musste.
      Den Vorbereitungsdienst absolvierte Gottsleben an der Oberrealschule Eppendorf, wo er von seinem Anleiter, Laurits Olufsen, keinen sonderlich guten Bericht erhielt: "Nach meiner Erfahrung ist Herr Gottsleben eine verschlossene, schwer zugängliche, auch wohl eigenwillige Natur. Sein Unterricht ist, nachdem eine anfängliche, recht große Unbeholfenheit mehr und mehr überwunden ist, befriedigend, zum Teil sogar recht gut. Anzuerkennen ist, daß er auch im Laufe der Zeit dauernd sich gebessert hat. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß er sehr wohl die Fähigkeit besitzt den Stoff in verständiger und angemessener Form an die Jugend heran zu bringen. Leider entsprachen die erzielten Erfolge meist nicht der großen Mühe, die er sich offenkundig mit seinen Schülern machte. Es liegt dies an einer bedauernswerten Unfähigkeit die Disziplin zu handhaben. Trotz ungewöhnlich häufiger Belehrungen, Vorhaltungen und Deutungen meinerseits ist es ihm wohl nur selten gelungen, in einer Klasse wirklich festen Fuß zu fassen. Die Mißerfolge auf diesem Gebiete seiner Tätigkeit sind nach meiner Meinung besonders auf sein zaghaftes, unentschlossenes Auftreten vor der Klasse zurückzuführen, nicht aber auf Mangel an Interesse und Anteilnahme für die Jugend."
      Nach bestandener Prüfung setzte Erwin Gottsleben seine Studien an der Universität Hamburg fort, um auch die Lehrbefähigung für Erdkunde zu erwerben. Er studiert dafür bei dem Hamburger Geographie-Professor Siegfried Passarge. Da Gottsleben im Hamburger Schuldienst als Hilfslehrer beschäftigt war, benötigte er für sein Examensprojekt eine sechswöchige Beurlaubung, um im nördlichen Finnland eine ausgedehnte Exkursion machen zu können. Dafür schrieb ihm Prof. Passarge eine wärmste Befürwortung, in der er darauf hinwies, dass Gottsleben für dieses Projekt sogar Finnisch gelernt hatte. Der Antrag wurde am 6.2.1931 von Oberschulrätin Emmy Beckmann genehmigt.
      Inwieweit Erwin Gottsleben durch die Arbeit bei Siegfried Passarge auch weiter ideologisch beeinflusst wurde, ist nicht verbrieft. Auffällig war Passarge bereits in den 1920er-Jahren durch antisemitische Äußerungen geworden, 1929 wurde er der "Judenfresser-Propaganda" beschuldigt und hatte zahllose Ausfälle gegen "wissenschaftliche Schädlinge" und "Charakterkrüppel". Am 1.11.1933 wurde Passarge trotz Aufnahmesperre in die NSDAP aufgenommen, wofür er sich bei Martin Bormann bedankte. Er unterschrieb auch das "Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat".
      Erwin Gottsleben trat am 1.12.1931 in die NSDAP ein, nachdem er schon einmal 1927-1928 NSDAP-Mitglied gewesen war. Seit dem 1.1.1932 war er auch Mitglied im NSLB und arbeitete als Kreisleiter, vom 1.2.1933 an auch als Leiter der Fachschaft für höhere Schulen.
      Wie viele andere seiner Generation lebte Erwin Gottsleben am Ende der Weimarer Republik in einem unsicheren Beschäftigungsverhältnis. Am 14.8.1931 hatte er die Kündigung als Tariflehrer bekommen, wurde ab dem 1.10.1931 mit halber Stundenzahl als Hilfslehrer beschäftigt. Um materiell abgesichert zu sein, arbeitete Gottsleben dann noch an einer privaten Mädchenschule. Am 20.3.1933 wurde die Kündigung zurückgezogen, Erwin Gottsleben lehrte seit 1929 an der Klosterschule.
      Interessant ist, wie Gottsleben in einem von der Klosterschule herausgegebenen Buch beschrieben wurde, in dem Barbara Brix den Lehrer der Klosterschule, Walter Bacher porträtierte, der Jude und Sozialdemokrat war und 1933 in das Fadenkreuz der Nationalsozialisten geriet: "1929 war Erwin Gottsleben an die Schule gekommen. Auch er trug zu dem Stimmungsumschwung bei: 'Groß, schlank, blauäugig, sportlich und SA-Mann. Er war der Prototyp der neuen Zeit, und viele Herzen, auch solche, die vorher Dr. Bacher gehört hatten, flogen nun ihm zu." Laut seiner Personal- und Entnazifizierungsakte gehörte Gottsleben der SA nicht an, trat in der Schule aber, ebenso wie Heinrich Hehn, in NS-Uniform auf, wie auf einem Kollegiumsbild zu sehen ist. Von Hehn wissen wir auch, dass es an der Klosterschule schon vor 1933 eine NSDAP-Gruppe gegeben hatte. Hehn brüstete sich in einem Schreiben an den Senator für Kulturangelegenheiten, "sehr geehrter Parteigenosse von Allwörden", damit, dass die Klosterschule "die älteste nationalsozialistische Zelle an den höheren Schulen Hamburgs überhaupt" besessen hätte. Stolz nannte Hehn die Namen der Parteigenossen dieser Zelle: "Hehn, Gottsleben, Schwabe, Löhr, Henningsen." Diese Gruppe war dann auch verantwortlich für die Suspendierung und Entlassung ihres jüdischen Kollegen, Walter Bacher, der seit 1927 Lehrer an der Klosterschule gewesen war. "Am 26.5.1933 wurde Dr. Bacher auf Drängen antisemitischer Kollegen beurlaubt. Nach neunwöchiger Wartezeit, in der es ihm trotz mehrfacher Eingaben nicht gelang, persönlich gehört zu werden oder die Gründe für die plötzliche Beurlaubung zu erfahren, erfolgte unter dem 29.Juli seine Entlassung."
      Erwin Gottsleben hatte als Funktionär im NSLB mit Heinrich Hehn und Guido Höller eng zusammengearbeitet. Die Auseinandersetzung zwischen den alten NSLB-Funktionären, die sich auch als "alte Garde" sahen und bezeichneten, ist ausführlich in der Biografie Heinrich Hehn beschrieben worden. [...] Ein Sakrileg war sicherlich auch, dass Erwin Gottsleben im Beisein der neuen Hamburger NSLB-Führung den Besuch des NSLB-Reichsführer Hans Schemm nutzte, um diesen zur Parteinahme für die Gruppe der "alten Kämpfer" zu veranlassen. Daraufhin wurde Gottsleben seines NSLB-Amtes enthoben. Gleichwohl ernannte die NS-Landesunterrichtsbehörde Erwin Gottsleben am 1.6.1938 zum Studienrat. Anders als Heinrich Hehn wurde Gottsleben auch nicht aus der NSDAP ausgeschlossen. 1939 wurde Gottsleben Soldat, wobei er auch bei der Wehrmacht keine Karriere machte, sondern lediglich zum Unteroffizier befördert wurde.17 Am 15.5.1940 wurde Erwin Gottsleben durch mehrere Bombensplitter schwer verwundet, lag lange Zeit im Lazarett Bad Ems, nahm am 11.1.1941 für einige Monate den Schuldienst an der Klosterschule wieder auf, um dann wieder in den Krieg zu ziehen, allerdings mit dem Ziel, "Wehrmachtbeamter" zu werden.
      Am 20.6.1945 bekam Erwin Gottsleben im Namen der britischen Militärregierung das Entlassungsschreiben. Da er sich noch in kurzer Kriegsgefangenschaft befand, wurde die Entlassung von Senator Landahl am 22.2.1946 noch einmal bestätigt. Es erfolgte ein Entnazifizierungsverfahren, in dem Gottsleben ausführlich seinen nationalsozialistischen Werdegang begründete. Daraus soll zitiert werden, weil Gottsleben anders als viele aktive Nationalsozialisten argumentierte: "Es liegt mir fern, meine frühere Mitgliedschaft zur NSDAP zu leugnen. Jedoch bitte ich, aufgrund des folgenden Berichtes über meine politische Entwicklung die Maßnahme meiner Entlassung einer Revision unterziehen zu wollen."
      Die Gründe für seinen Parteieintritt erklärte Erwin Gottsleben so: "Da ich in erster Linie pädagogisch und wissenschaftlich eingestellt bin, hatte ich mich mit politischen Auseinandersetzungen wenig befasst. Jedoch sah ich die Gefahr, dass unser Volk in Parteienzersplitterung und wirtschaftlicher Not zu Grunde ging. Das Versprechen der NSDAP, Deutschland zur Einigkeit und zu wirtschaftlichem Wohlstand zurückzuführen, fand meinen Glauben, und so trat ich der Partei bei, in der sicheren Erwartung, dass sie ihre Versprechen wahr machen würde. Egoistische Motive trieben mich nicht, konnten es damals auch nicht."
      Im Weiteren bezog sich Gottsleben dann offenbar auf seine subjektiven NSLB-Erfahrungen in Hamburg: "Alsbald nach der Machtübernahme musste ich mit Enttäuschung feststellen, dass eine ungeheure Diskrepanz bestand zwischen Wort und Tat. Aus der Einigkeit wurde Gleichschaltung und Unterdrückung, aus dem Kampf gegen das Bonzentum entstand eine noch viel krassere Bonzokratie. Das führte zu Auseinandersetzungen grundsätzlicher Art, die mich 1934 mein Amt im NSLB kosteten. Um in der immer mehr militarisierten Zwangs-HJ ein idealistisches Gegengewicht zu bilden, arbeitete ich für kurze Zeit in der HJ mit, scheiterte jedoch auch dort. (...) Während des Krieges, in dem ich als grundsätzlicher Gegner des militaristischen Systems stets Schwierigkeiten hatte, arbeitete ich von 1943 bis 1945 als Lehrer bei Luftwaffenhelfern der Flak, und zwar in Uniform. Auch hier scheiterten meine Versuche, die Jungen, die wie Erwachsene behandelt und schikaniert wurden, zu erziehen, an der Verständnislosigkeit der Offiziere. So hatte ich mich bis zum Ende des Krieges zu einem scharfen Gegner des Regimes entwickelt, wie mir mehrere Zeugen bestätigen." Interessant, weil vergleichsweise ungewöhnlich und dem Anschein nach für mich ein Versuch, den eigenen Werdegang zu reflektieren und nicht nur vorgeschobene Argumente aufzureihen, um wieder in den Schuldienst zu gelangen, Gottslebens Erklärung: "Für mich hatte dieses Ende des Krieges die Konsequenz, dass ich meinen Beruf, den ich aus Begeisterung und Liebe ergriffen hatte, verlor. Aber es war eine Konsequenz, die ich innerlich hätte bejahen müssen, wenn ich noch überzeugter Nationalsozialist wäre. Obwohl dies seit langem nicht mehr der Fall ist, habe ich mir selbst ein Jahr des Schweigens und der Besinnung auferlegt, ehe ich diesen Schritt unternehme und um Revision bitte, ein Jahr, in dem ich, solange ich gesund war, in körperlicher Arbeit auf dem Lande meine Familie kärglich über Wasser hielt. Die Folgen meiner Kriegsverletzungen machten es mir jedoch unmöglich auf die Dauer von körperlicher Arbeit zu existieren."
      Am Ende machte Erwin Gottsleben, der ohne anwaltliche Beratung schrieb, entweder etwas sehr Geschicktes oder zeigte eine tatsächliche Weiterentwicklung: "Auf die Gefahr hin, dass man mich zu Unrecht zu denjenigen zählt, die gegen ihre wirkliche Überzeugung vorgeben, den Willen und die Absichten der Besatzungsmacht und der demokratischen deutschen Kreise unterstützen zu wollen, muss ich noch eine Erklärung abgeben. Ich bemerke dazu, dass ich meine volle Überzeugung ausdrücke, Heuchelei und Unehrlichkeit hat mir noch niemand vorwerfen können.
1.) Die Ereignisse haben gezeigt, dass eine autoritäre Staatsführung ein Volk nur ins Unglück stürzen kann.
2.) Nur eine demokratische Staatsform kann Glück und Wohlstand bringen.
3.) Auch wer diese beiden Sätze nicht anerkennt, muss, wenn er seinen klaren Verstand noch besitzt, einsehen, dass offener oder geheimer Widerstand Wahnsinn sein würde.
4.) Die Konsequenz dieser drei Sätze ist loyale Mitarbeit. Ich bin dazu bereit und bitte mir Gelegenheit zu geben, meine Bereitschaft in die Tat umzusetzen."
      Der Beratende Ausschuss fasste am 24.3.1947 den Beschluss: "Beim heutigen Stand der politischen Säuberung fühlt sich der Beratende Ausschuss noch nicht berufen, eine Milderung des Urteils vorzuschlagen. Gottsleben ist durch seine Mitgliedschaft seit 1927 bzw. 1931 zu stark belastet, umso mehr, als er noch 1937 in der HJ die Leitung von Schulungsabenden übernahm. Wir haben uns allerdings aus seinen Aussagen, sowie aus Gutachten überzeugt, dass er sich keiner menschlichen oder politischen Gemeinheiten schuldig gemacht hat und nehmen auch seine heutigen Bemühungen in der FDP zur Kenntnis." Am 2.6.1948 befasste sich der Berufungsausschuss mit dem Fall Gottsleben. Der Ausschuss stellte zwar fest: "Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass Gottsleben als ein sehr altes Mitglied der NSDAP der NS-Ideologie stark verfallen war. Andererseits ist es auffallend, dass Gottsleben in der NSDAP kein Amt bekleidete. Mehrere seiner Kollegen, die ihn seit langen Jahren vor 1933 kennen, stellen ihm ein gutes Leumundszeugnis aus. Nach diesen Leumundszeugnissen erschien es glaubhaft, dass Gottsleben bereits im Jahre 1934 das Amt im NSLB wegen grundsätzlicher Meinungsverschiedenheiten niederlegte und dass er sich innerlich vom Nationalsozialismus gelöst hat." Dies halte ich nun allerdings für eine Fehlinterpretation. 1934 ging es um eine Richtungsentscheidung der Arbeit innerhalb des NSLB. Und dabei gehörte Erwin Gottsleben zu einer ideologisch dogmatischeren, wenig kompromissbereiten Richtung. Dass Erwin Gottsleben sich im Laufe der Jahre und der Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus, insbesondere aber im Kontext seiner antimilitaristischen Haltung vom Nationalsozialismus enttäuscht und ernüchtert abgewandt hatte, kann angenommen werden.
      Der Berufung wurde stattgegeben, der Wiedereinstellung Erwin Gottsleben stand nichts im Wege. Er wurde in Kategorie IV, Mitläufer, eingestuft und wieder in den Schuldienst eingestellt, erst als Angestellter, ab 1953 wieder als Beamter. Seinen Dienst begann er am 19.8.1948 am Charlotte-Paulsen-Gymnasium. Später wechselte er an die Oberschule für Jungen St. Georg und an das Matthias-Claudius-Gymnasium. Zwischendurch stand es um die Gesundheit Gottslebens nicht gut, er litt unter Nachwirkungen seiner Kriegsverletzungen. Schulleiterin Musold schrieb besorgt, "seine Gedächtnisschwäche wirkt oft erschreckend".
      Am 15.2.1966 wurde Erwin Gottsleben noch zum Oberstudienrat ernannt, ein halbes Jahr später sollte er in den Ruhestand versetzt werden, erhielt aufgrund des Lehrermangels aber noch einen Lehrauftrag für ein weiteres Jahr. Am 31.7.1967 setzte er sich dann endgültig zur Ruhe.
      Erwin Gottsleben wohnte in Hamburg-Blankenese, Witts Allee 23, danach in Wedel, zuerst Rosenstraße 23, später Mollers Park 8. - Erwin Gottsleben starb am 21.6.1982.
Quellen: Erwin Gottsleben. In: Hans-Peter de Lorent: Täterprofile. Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz und der Zeit nach 1945. Bd. 2. Hamburg: Landeszentrale für politische Bildung, 2017, S. 369-377.
Hamburger Lehrerverzeichnisse 1922/23 bis 1938/39 und 1953/54 bis 1962/63.
Uwe Schmidt: Lehrer im Gleichschritt. Der Nationalsozialistische Lehrerbund Hamburg. Hamburg: Hamburg Univ. Pr., 2006, S. 16 u. 59 ff.
Barbara Brix: "Land, mein Land, wie leb' ich tief aus dir": Dr. Walter Bacher - Jude, Sozialdemokrat, Lehrer an der Klosterschule / [Hrsg. vom Gymnasium Klosterschule, Hamburg]. Hamburg: Dölling u. Galitz, 1997.
S. 17: »1929 war Erwin Gottsleben an die Schule gekommen. Auch er trug zu dem Stimmungsumschwung bei: Groß, schlang, blauäugig, sportlich und SA-Mann. (Die Angabe über die Dauer seiner Parteizugehörigkeit wurde später aus seiner Personalakte herausgeschnitten.) Er war der Prototyp der neuen Zeit, und viele Herzen, auch solche, die vorher Dr. Bacher gehört hatten, flogen nun ihm zu.«
Elena Makarova, Sergei Makarov u. Victor Kuperman: University over the abyss : the story behind 520 lecturers and 2430 lectures in KZ Theresienstadt 1942 - 1944 / 2. ed., corr. and expanded with the aid of feedback from survivors. Jerusalem: Verba Publ., 2004, S. 347.
     
Zur nationalsozialistischen Schulpolitik in Hamburg vgl. Uwe Schmidt: Hamburger Schulen im "Dritten Reich" / hrsg. von Rainer Hering. Hambur: Hamburg Univ. Pr., 2010. 2 Bde (Beiträge zur Geschichte Hamburgs ; 64).

Charlotte Gottsleben (geb. 1908; gest. 1986)

Charlotte Gottsleben (geb. Kröger; * 13. Oktober 1908, † 04. April 1986 in Hamburg) unterrichtete im Schuljahr 1953/54 an der Schule Waitzstraße 31 (Grundschule und Praktische Oberschule) und wechselte zum Schuljahr 1955/56 nach Othmarschen an die Schule Klein Flottbeker Weg 64 (Grundschule und Praktische Oberschule). Charlotte Gottsleben wohnte in Hamburg-Nienstedten, Nienstedter Marktsplatz 23.
Quelle: Hamburger Lehrerverzeichnisse 1922/23 bis 1938/39 und 1953/54 bis 1962/63.

Traueranzeige im
Hamburger Abendblatt
vom 9. April 1986

Michèle Gottsleben (geb. 1949, née Gayes)

Nach Studium in Montpellier und an der Universität Hamburg unterrichtete die Studienrätin Michèle Gottsleben (née Gayes, geb. 19. November 1949) von 1977 bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2010 Deutsch und Französisch in Hamburg, zuerst am Gymnasium Heegen (HH-Rahlstedt), danach am Gymnasium Farmsen.

Stand: August 2017
Klaus Gottsleben
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