Familienforschung
Gottsleben — Gayes — Engelbarts


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Johannes Gottsleben (um 1559/60[1]-1612)
(Gotslebius, auch Theobius genannt)

Magister und evangelischer Theologe
Stationen seines Lebens im Zeitalter der Reformation

Allendorf an der Werra, Marburg, Jena, Herborn, Siegen, Dillenburg und Krombach


Jugend in Allendorf an der Werra (1559/60-1574)

 Johannes Gottsleben stammt aus Allendorf an der Werra. Ob Verwandtschaftsbeziehungen zu dem 1512 in Allendorf genannten Bürger Claus Gotsleben bestehen, wissen wir nicht. Nur wenige Dokumente haben die Zeiten überdauert. Besonders verheerend für die geschichtliche Überlieferung sind die Folgen des Dreißigjährigen Krieges mit der Zerstörung vieler Archive und den darin aufbewahrten Quellen. Am 27. April 1637 wurde die Stadt Allendorf von den Kaiserlichen überwältigt, geplündert und in Brand gesteckt. Fast alle öffentlichen Gebäude und Wohnhäuser gingen in Flammen auf. Nur fünf Häuser und Scheunen und das mit einem Schutzbrief ausgestattete Sooden samt Salzwerk blieben verschont. Die St. Cruciskirche brannte aus und mit ihr die in der angebauten Kapelle untergebrachte, kostbare Kirchenbibliothek, die zugleich den Lehrern und Schülern der Lateinschule als Schulbibliothek diente. Ebenfalls gingen viele der wertvollen, im einst prunkvollen Rathaus aufbewahrten Dokumente und Urkunden verloren.

    »Allendorf in den Soden« war durch Salzgewinnung und Handel eine blühende Stadt, die zu den ersten Städten Hessens zählte. Prachtvolle Fachwerk-Wohnhäuser und bedeutende öffentliche Bauten zierten das Stadtbild. Drei Kirchen ragten über die Dächer. Ein doppelter Mauerring mit zwischenliegendem Graben, durch Türme und Halbtürme verstärkt, schützten die Stadt in unruhigen Zeiten und bei Fehden. Die Stadt übte eine starke Anziehung auf die Bewohner jener Dörfer aus, die wegen Kriegswirren oder ihrer ungünstigen Lage aufgegeben und wüst wurden. Zur Feuerung ihrer Siedepfannen nutzten die Salz-Pfänner bis Mitte des 16. Jahrhunderts ausschließlich Holz. Zu dessen Bezug bestand ein Bann- oder Zirkrecht über ein großes Gebiet, das bis ins Eichsfeld hineingriff.
    Die Einführung der Reformation erfolgte nicht ohne Widerstand der Allendorfer Ratsfamilien, die meist auch die Inhaber der Kirchenpfründe stellten. Landgraf Philipp der Großmütige (1504-1567) musste mit sanftem Druck nachhelfen, und oft kam es zu Zwistigkeiten zwischen Rat und Kirche.
 

Allendorf an den Sooden

    Zu der Zeit, als der Landesherr durch Pachtverträge das Salzwerk übernahm und Johannes Rheinland - auch Rhenanus genannt - das Amt des Pfarrers und Salzgrafen in Sooden antrat, wurde Johannes Gottsleben um 1559/60 geboren und besuchte bis 1573/74 die 1250 gegründete Allendorfer Lateinschule.

Studium in Marburg (1574-1579) und Jena (1586) [2]

Als Fünfzehnjähriger begann Johannes Gottsleben 1574 zusammen mit seinen Landsleuten Johannes Iringius, Hieronymus Faber, Johannes Lossius, Henrich Riem, Matthias Turmann, Liborius Thomas und Israel Engelhard ein Theologiestudium an der Universität Marburg, die damals knapp 50 Jahre bestand. Im Zuge der Reformation hatte die erste protestantische Universität der 23-Jährige Landgraf Philipp 1527 gegründet. Finanziert wurde sie durch die aufgelösten Klöster. Ihre Hauptaufgabe lag darin, hessische Kirchen- und Staatsdiener heranzubilden. Neben der führenden Theologischen Fakultät gab es von Anfang an eine Juristische, eine Medizinische und eine Philosophische Fakultät. Für fast alle zwölf Fächer, die Marburger Studenten im 16. Jahrhundert belegen konnten, hatte der Humanist und Reformer Philipp Melanchthon (1497-1560) Lehrbücher geschrieben. Indes klagten Marburger Professoren, dass die Werke des Wittenberger Gelehrten zum Teil viel zu kompliziert für die oft erst 14 und 15 Jahre alten Schüler seien. Sie erhielten damals zunächst eine Basisausbildung in den Fächern Grammatik - dahinter verbarg sich Latein, die Wissenschaftssprache der Zeit, die Schüler auch untereinander sprachen -, Dialektik (Logik) und Rhetorik. Selbstverständlich gehörte dazu auch die Poesie mit praktischen Übungen in Dichtung.

    In den Marburger Matrikeln der Jahre 1571 bis 1580 finden wir insgesamt 135 Studenten, darunter mit zwei Eintragungen von 1574 und 1579 Johannes Gottsleben. Die Theologische Fakultät besaß damals auch nach dem Tod ihres berühmten Professors Andreas Gerhard Hyperius (1511-1564) noch eine starke Anziehungskraft mit der an ihr gelehrten unionistischen Theologie. Die theologische Tradition, die Hyperius geschaffen hatte, und die milde kirchliche Richtung der Landesherren fand in dem lutherischen Eiferer Aegidius Hunnius aus Schwaben, der als Verfechter der Concordienformel von 1576 bis 1592 an der Theologischen Fakultät lehrte, jedoch bald einen leidenschaftlichen und rücksichtslosen Widersacher. Hunnius zog zwar Studenten aus den Gegenden des gefestigten Luthertums an, doch wogen diese in ihrer Zahl nicht das Ausbleiben der vielen Schweizer und Niederländer auf.

    Zu der Zeit, in der Johannes Gottsleben in Marburg weilte, war die Theologische Fakultät noch die bedeutendste, doch deutete sich damals bereits ein Umschwung an. Das Studium der Jurisprudenz trat immer mehr in den Vordergrund, und neben ihm fanden Philosophie und schöne Wissenschaften jetzt mehr Raum und Entfaltung. Die Hochschule öffnete sich im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts den studiis humanioribus. Die besondere Förderung der Universität und der Wissenschaften durch Landgraf Wilhelm IV. (1532-1592) bezeugen das enthusiastische Lob seiner Professoren und die Fülle der Anekdoten, die über seinen ungezwungenen Verkehr mit gelehrten und geistreichen Männern umliefen. Der rege Geist Wilhelms, den seine Zeitgenossen schon den Weisen nannten, war allen Wissenschaften zugänglich.

    Nach seinem Studium in Marburg, das er um 1579 mit dem Erwerb des akademischen Grades eines Magister artium abgeschlossen hatte, verliert sich Johannes Gottslebens Spur erst einmal. Meist verdienten die jungen Magister ihr Brot als Hauslehrer adliger oder wohlhabender Bürgerkinder oder als Lehrer an Lateinschulen der reformierten Länder. Ob Johannes Gottsleben wieder in seine Vaterstadt Allendorf zurückgekehrt ist, wissen wir nicht. Jedoch nennt er später in Herborn seine Herkunft »Magister Joannes Gotslebius Allendorfensis ad salinas Hassiacas«. Wir treffen Johannes Gottsleben 1586 in Jena wieder, wo er sich an der Universität unter ihrem damaligen Rektor Samuel Brothagen für das im Februar beginnende Sommersemester eingeschrieben hatte. In Jena wird er seine Studien wieder aufgenommen haben, um zum Doktor der Theologie zu promovieren und so eher eine akademische Lehrtätigkeit aufnehmen zu können. Oder er hatte - wie es Brauch war - als Hauslehrer und Mentor einen jungen adligen Herrn oder wohlhabenden Bürgersohn zum Studium nach Jena begleitet.

    Pädagogearch und Professor am Pädagogium und der Hohen Schule
Herborn (1587-Herbst 1594) und Siegen (Herbst 1594-1599/1600)

Die Erfahrungen seiner Marburger und Jenaer Studienjahre wird Johannes Gottsleben später an seine Schüler weitergeben können. Wir finden ihn 1587 im nassauischen Herborn wieder, wohin er auf eine der drei Professorenstellen für Philosophie an die Hohe Schule berufen wurde und als Pädagogearch zugleich in der ersten Klasse des neu eingerichteten Pädagogiums täglich mehrere Stunden unterrichtete.[3]

    Doch wie kam es zur Gründung einer Hohen Schule im nassauischen Herborn? Kurz nach Regierungsbeginn Graf Wilhelms des Reichen (1487-1559) hatte der Augustinermönch Martin Luther 1517 mit seinem Thesenanschlag in Wittenberg jene gewaltige Bewegung der Geister eingeleitet, aus der die evangelische Kirche geboren wurde. Nach Friedrich dem Weisen, dem Beschützer Luthers, hatte vor allem der junge Landgraf von Hessen, Philipp der Großmütige, der neuen Lehre in seinem Lande Eingang verschafft. Auch in Nassau sollte die Reformation bald Aufnahme finden. Graf Wilhelm war durch seine wiederholten Aufenthalte am kursächsischen Hof auf die Schriften Luthers aufmerksam geworden, dessen todesmutiges Bekenntnis er schon 1521 auf dem Reichstag zu Worms selbst gehört hatte. Behutsam leitete Wilhelm in seiner Grafschaft, die einschließlich des Siegerlandes damals kaum mehr als 20 000 Einwohner hatte und sich die Zahl der Pfarreien nicht über 30 belief, die religiöse Erneuerung ein. Nicht nur die breite Volksmenge sondern selbst die Geistlichen besaßen eine verhältnismäßig niedrige Bildungsstufe und rasche Neuerungen in Glaubensfragen hätten diese einfachen Menschen überfordert. So begann Wilhelm zunächst nur in den beiden wichtigsten Städten der Grafschaft, in Dillenburg und Siegen, mit der religiösen Erneuerung. Im Oktober 1530 entließ er die beiden bisherigen Pfarrer gegen ein Gnadengehalt in den Ruhestand und setzte zwei Vertreter der neuen Lehre ein. Duldsam ließ Graf Wilhelm fast alle Landgeistliche in ihren Ämtern, obwohl nicht wenige durch ihre Unfähigkeit und ihren anstößigen Lebenswandel, andere auch durch die gegensätzliche Einstellung zur lutherischen Lehre keineswegs als brauchbare Helfer erschienen. In diesen Zeiten des Übergangs machte sich der Mangel an geeigneten Geistlichen und Lehrern im eigenen Lande besonders stark bemerkbar. Durch Melanchthons Vermittlung, der mit dem Dillenburger Rat Magister Wilhelm Knüttel (1505-1566) in regem Briefwechsel stand, kam ein Schüler der beiden großen Wittenberger Reformatoren, Magister Erasmus Sarcerius (1501-1559) aus Annaberg in Sachsen als Helfer ins Land. Sarcerius gilt als eigentlicher Vollender der Reformation und war auch der Neuschöpfer des Schulwesens der Dillenburger Grafschaft. 1536 zunächst als Rektor an die Lateinschule zu Siegen berufen, wurde er vom Grafen, der seine außerordentlichen Fähigkeiten alsbald erkannte, bereits 1537 zum Hofprediger und Superintendanten in Dillenburg und 1541 zum geistlichen Inspektor des gesamten Landes befördert. Doch fehlte es fast überall im Lande an guten Predigern und Schulleuten.

    Auch später unter Wilhelms Sohn Graf Johann VI. (1535-1606) wurde noch ein Mangel an guten Schulleuten beklagt. Neben der Siegener gab es noch Lateinschulen in der Residenzstadt Dillenburg, in Herborn, Nassau und Haiger. Doch nur wenige Landeskinder waren dazu zu bewegen, sich dem gelehrten Studium zu widmen. Von denen, die studieren wollten, wurden die Armen mit für damalige Zeiten beträchtliche Stipendien unterstützt für Herberge, Tisch und andere »Nothdurft«.

    Zwei Jahrzehnte hatte Graf Johann VI. an der von seinem Vater eingeführten lutherischen Glaubenslehre festgehalten. Seitdem er jedoch durch die Feldzüge seines Bruders Wilhelm von Oranien (1533-1584) nach den Niederlanden und dem Flüchtlingsstrom von dort in seine Lande tiefer in das Wesen der reformierten Glaubenslehre eingedrungen war, hatte sich Johann allmählich immer mehr diesem Bekenntnis zugewandt. Mit einer schlichteren Form des Gottesdienstes hoffte er eine ernste, innerliche und opferbereite Art des kirchlichen Lebens zu finden. Im Sinne des reformierten Bekenntnisses wurden die fünf bestehenden Lateinschulen des Landes umgestaltet und neue in Hademar, Diez, Burbach und Fernbach gegründet. Um die Pfarrer, Lehrer, Beamte und Ärzte der oranien-nassauischen Länder sowie der benachbarten Grafschaften selbst ausbilden zu können, schuf Johann 1584, dem Jahr, in dem sein älterer Bruder Wilhelm von Oranien in Delft einem Attentat zum Opfer fiel, eine Akademie in Herborn. Diese universitätsähnliche Anstalt war in der damaligen deutschen Universitätslandschaft etwas Neues, da sie eine Kombination von Zubringerschule (Pädagogium) und Hochschule war.

    Der Name Hohe Schule für die Akademie bezeichnet die unsichere Rechtslage der Neugründung. Nach Qualität und Struktur des Lehrkörpers war sie einer Universität sehr ähnlich,[4] besaß jedoch keine akademischen Privilegien, im besonderen kein Promotionsrecht, das der Kaiser damals nur katholischen oder lutherischen, aber nicht den reformierten (kalvinistischen) Gründungen verlieh.

    Die Hohe Schule war anfangs die einzige kalvinistische Bildungsstätte in Deutschland und gehörte bald zu den wichtigsten in Europa. Sie unterhielt Beziehungen nach England und Schottland, zu den hugenottischen Akademien in Frankreich - namentlich Sedan, zu schweizerischen und niederländischen Hochschulen, zur Böhmischen Brüderunität in Böhmen und Mähren, nach Ungarn und Siebenbürgen. Außer von deutschen Studenten wurde sie von Tschechen, Ungarn, Polen, Dänen, Schotten, Niederländern und Schweizern besucht. Es entstanden eine Theologische, eine Philosophische, eine Juristische und eine Medizinische Fakultät, außerdem eine eigene Druckerei, eine Bibliothek, eine Apotheke sowie eine »Anatomie und Entbindungsanstalt«. Die Theologische Fakultät errang aufgrund der Qualität ihrer Lehre alsbald europaweiten Ruhm. In ihrer Blütezeit von 1584 bis 1626 wurde der Ruf der Alma Mater Iohannea in ganz Europa bekannt. Die Unterrichtssprache war Latein. Die Herborner Professoren wirkten stark in die theologischen, staatsrechtlichen und philosophischen Diskussionen des Frühbarock hinein. Von den zahlreichen Veröffentlichungen der Professoren, die meist aus der akademischen Buchdruckerei des Christoph Rab (1552-1620) hervorgingen, sind eine eigenständige Herborner Bibelübersetzung von Johannes Piscator (1546-1625), ein bedeutendes Frühwerk zur Staatsvertragslehre von Johannes Althusius (1557-1638) und die erste deutsche Enzyklopädie von Johann Heinrich Alsted (1588-1638) zu nennen. Der bedeutendste Student Herborns war Johann Amos Comenius (1592-1670) aus Mähren, der wohl nach wie vor bekannteste Förderer der wissenschaftlichen Pädagogik. Er studierte hier von 1611 bis 1613 Theologie und Philosophie. Neben Comenius studierten in Herborn so berühmte Persönlichkeiten wie der Hebraist Johannes Buxtorf der Ältere aus Basel (1564-1629, immatrikuliert 1585), Giovanni Diodati aus Genf (1576-1649, 1589/90 am Pädagogium, 1590 an der Hohen Schule immatrikuliert), der die Bibel ins Italienische übersetzte, und der Vater der skandinavischen Hebraistik Kort Aslakssøn aus Bergen (latinisiert Konrad Aslacus, 1564-1624, immatrikuliert 1594).

    Als Johannes Gottsleben 1587 nach Herborn kam und mit der Leitung des Pädagogiums [5] betraut wurde, musste er als Lehrer und Anhänger des Ramismus bereits gute Referenzen mitgebracht haben. Damals sollte auf Empfehlung des Theologieprofessors und späteren Rektors der Hohen Schule Johannes Piscator der tüchtige Präzeptor der dritten Klasse, Henrich Crantz aus Beuren, in Herborn gehalten werden und mit der ersten Klasse auch das Amt des Pädagogearchen übernehmen. Doch Crantz entschied sich anders und ging 1588 als Rektor an die Lateinschule nach Korbach. So wurde Johannes Gottsleben - vielleicht durch Vermittlung seines gleichaltrigen Allendorfer Landsmannes und Herborner Kaplans Bernhard Textor (1560-1602), der mit dem einflussreichen Theologieprofessor Caspar Olevian (1536-1587) befreundet war - anstelle von Crantz Pädagogearch und Präzeptor der ersten Klasse.

    Graf Johann VI. stellte zum Unterhalt der Akademie, die anfangs im Herborner Schloss untergebracht war, beträchtliche Mittel [6] zur Verfügung und verfolgte ihre Entwicklung mit großer Anteilnahme. Besonders war er an der Berufung nur der gelehrtesten Männer interessiert. In den ersten drei Jahren ihres Bestehens hatten sich bereits 137 Schüler an der Hohen Schule eingeschrieben. Im Schuljahr 1588 legte man auch für das Pädagogium eine gesonderte Matrikel an, in die Johannes Gottsleben die Namen der damals 135 Schüler und die geltenden Schulgesetze eigenhändig eintrug. Er selbst unterrichtete von 1587 bis 1589 in der ersten Klasse (Classis prima), deren Schülerzahl in den Jahren 1588 bis 1599/1600 zwischen 23 und 32 schwankte. Nach seiner Ernennung zum Professor der Philosophie veranstaltete Johannes Gottsleben ab 1589 auch weiterhin philosophische Übungen [7] in der ersten Klasse des Pädagogiums. Damals wurde öfter über die Grenzen der beiden Schularten hinweg gelehrt und die »Classici« zusammen mit den Studenten unterrichtet. Als ordentlicher Professor der Philosophie war Johannes Gottsleben viele Jahre Mitglied des Senats. Er setzte über das Pädagogearchenamt die im Senat getroffenen Entscheidungen in der schola privata um. Einen auch nur eng begrenzten Entscheidungsraum besaß er nicht. Er gab lediglich die getroffenen Entscheidungen weiter, über ihn lenkte und kontrollierte der Senat die Geschicke des Pädagogiums. Nach der Immatrikulation fiel ihm die Aufgabe zu, entsprechend dem Wissenstand des Schülers eine Einweisung in die jeweilige Klasse zu verfügen. Trotz der Abhängigkeit vom Senat kamen Johannes Gottsleben innerhalb des ihm unterstellten Pädagogiums Funktionen zu, wie sie der Rektor für den universitären Bereich besaß. So zeichnete er für den ordentlichen Ablauf des Schulbetriebs verantwortlich, worunter auch die von ihm oder einem der beiden Präzeptoren der oberen Klassen wöchentlich durchzuführenden Disputationen und Übungen fielen. Zugleich hatte er die Aufsicht über die privaten Übungen der Präzeptoren. Auch leitete Johannes Gottsleben das Verfahren der »censura«, der halbjährlich durchzuführenden Prüfung der Schüler, indem er nach Einholung der Gutachten, die vom zuständigen Präzeptor ausgestellt waren, den Schüler in einer Einzelprüfung nach seinem Wissen, mehr aber noch nach seinem Urteilsvermögen (judicium) taxierte. Die alleinige Entscheidung über die im Frühjahr anstehende Versetzung in die nächst höchste Klasse hatte er allerdings nicht, sie verblieb bei den anwesenden Vertretern des Senates, manchmal zudem bei den gräflichen Beamten, die ab und an sich über den Lehrerfolg im Pädagogium informierten.

Hohe Schule Herborn

    Nachdem die Hohe Schule vier Jahre im Herborner Schloss wirkte, trat die Stadt Herborn 1588 dem Grafen ein Gebäude als Schulhof ab, in dem sich das bereits 1324 erwähnte städtische Rathaus befand. Ein Fachwerkflügel und das westliche Nebengebäude kamen um 1600 dazu. Im Erdgeschoss finden wir noch heute die Aula mit Fürsten- und Professorenbildern und das Disputationsgestühl.

    Weiterhin bereitete Johann VI. die langfristige finanzielle Absicherung seiner Akademie große Sorgen. Schon 1589 hatte er die Stadt Herborn wissen lassen, dass er mit ihrem finanziellen Engagement für die Hohe Schule nicht zufrieden sei. Zugleich kritisierte er die geringe Neigung der Herborner Einwohner, geeignete Unterkünfte für die inzwischen stark angestiegene Zahl der Studenten zur Verfügung zu stellen. Für den Fall, dass weder die finanzielle Beteiligung der Stadt sich entschieden erhöhe noch die Frage der Unterbringung der Studentenschaft sich günstiger gestalte, drohte der Landesherr mit der Verlegung der Akademie nach Diez oder Siegen. In Herborn scheint man die Drohung des Grafen nicht ernst genommen zu haben, sie fand nur geringe Beachtung. Dies änderte sich jedoch schlagartig, als Johann VI. im April 1594 die Verlegung der Schule nach Siegen verfügte. Nun protestierte die Herborner Bürgerschaft heftig gegen diese Maßnahme, und auch die Professoren sowie die Drucker zeigten wenig Neigung, nach Siegen umzuziehen. Doch die Entscheidung war gefällt und musste nun auch von den Angehörigen der Hohen Schule befolgt werden. Mit der Verlegung wollte Graf Ludwig auch die Finanznot beheben, der die Hohe Schule seit Beginn ausgesetzt war. Die aus Dirstein und Thron, Beselich und Diez eingehenden, recht unregelmäßigen Einkünfte konnten keineswegs die hohen Ausgaben decken. Graf Johann erhoffte sich nun einen entscheidenden finanziellen Beitrag der recht finanzkräftigen Stadt an der Sieg. Während der Herbstferien 1594 vollzog sich der von Dillenburg aus geleitete Umzug von Herborn nach Siegen. Doch die weit gespannten Erwartungen, die sich mit der Verlegung der Schule verbunden hatten, hielten nicht allzu lange vor. Rasch wich die anfangs zutage getretene Euphorie. Zu allem Unglück wurde der neue Standort der Schule während der Jahre 1596 und 1597 von einer länger andauernden Pest überzogen und der Lehrbetrieb während dieser Zeit ganz eingestellt. Nun entschloss sich Graf Johann VI. auf eine Rückverlegung der Schule nach Herborn. 1599 kehrten die Theologen und Philosophen, aber auch größere Teile der Studentenschaft nach Herborn zurück. Im März 1600 beorderte Graf Johann den Juristen und Siegener Rektor Johannes Althusius nach Herborn. Ihm folgten weitere Teile der Dozenten und Studenten und in Siegen verblieb nur noch die örtliche Lateinschule.

    Mit dem Tod des Universitätsgründers erfolgte im Oktober 1606 die bereits 1597 testamentarisch festgelegte Teilung des Landes auf seine fünf Söhne. Das Direktorat der Herborner Hohen Schule fiel auf die drei ältesten, auf Graf Wilhelm Ludwig von Nassau-Dillenburg (1560-1620), Graf Johann VII. von Nassau-Siegen (1561-1624) und Graf Georg von Nassau-Beilstein (1562-1623). Die Schulverwaltung erleichterte sich dadurch, dass bei Abwesenheit eines der drei Mitglieder des Direktorats auch die beiden verbleibenden bindende Entscheidungen treffen konnten. Da Graf Wilhelm Ludwig als Statthalter in Friesland nur selten und vorübergehend in Dillenburg weilte, nutzten Graf Johann VII. und Graf Georg die Vorboten einer Pest Anfang November 1606 zu einer abermaligen Verlegung der Schule nach Siegen. Zwar blieb die Druckerei wie schon zuvor in Herborn, die Akademie sollte jedoch auf Wunsch des ehrgeizigen Johann VII. auf Dauer nach Siegen überstellt werden. Der rasch gefällte Entschluss stieß bei dem friesischen Statthalter Wilhelm Ludwig auf entschiedenen Widerspruch. Im Spätherbst 1608 zeichnete sich die endgültige Rückkehr der Akademie nach Herborn ab und im Frühjahr 1609 wurde sie schließlich durchgeführt. Mit zur Rückkehr beigetragen hatte auch die sinkende Studentenzahl in Siegen, das von den Studenten wegen seiner zahlreichen Hammerwerke als denkbar ungeeigneter Studienort angesehen wurde. Sie wünschten eine hübsch gelegene Stadt an einem Wasserlauf mit »gesunder Luft«.

Heirat mit Anna Maria Hoen in Herborn (1589), Kinder, Verwandtschaft

Die Senatssitzungen der Hohen Schule, an denen Johannes Gottsleben als Pädagogearch und ordentlicher Professor regelmäßig teilnahm, wurden vom Schulnotar protokolliert. In Herborn hatte diese Funktion lange Jahre der Stadtschreiber und kaiserliche Notar Wilhelm Hoen inne. Über die Sitzungen des Senats entstand vermutlich die Bekanntschaft von Johannes Gottsleben und Wilhelm Hoen. Der ortsfremde Johannes Gottsleben war mit seinen stattlichen 29 Jahren noch Junggeselle und wohnte im Herborner Schloss, in dem die Klassen des Pädagogiums gehalten wurden und sich auch die Amtswohnung des Pädagogearchen befand. Mit einer Jahresbesoldung von 120 Gulden hatte er ein gutes Auskommen und konnte auf Brautschau gehen. Gewiss nahm er die Einladungen der angesehenen Beamtenfamilie Hoen zur Unterrichtung ihrer Kinder und zu privaten Gesprächen gern an. So wird Johannes Gottsleben Wilhelm Hoens um 1570/71 geborene Tochter Anna Maria kennen gelernt haben und mit ihr am 14. September 1589 in Herborn einen Hausstand gründen. Seine Schwiegermutter Güthe Hoen ist eine geborene Behr, deren Vater Jost Behr Unterschulmeister an der Lateinschule in Dillenburg war und zusammen mit ihrem Schwiegervater Jost Hoen die Grafenkinder unterrichtete. Danach übernahm Jost Behr von 1548 bis 1564 das Amt des Stadtschreibers in Herborn. Später wird die Familie Behr einige Herborner Bürgermeister stellen. Johannes Gottslebens damals 13-Jähriger Schwager Andreas Jacob Hoen, später selbst einmal kaiserlicher Notar und Herborner Stadtschreiber, besuchte 1589 die 3. Klasse des Pädagogiums, die der wegen seiner »tyrannischen und scharfrichterlichen Art« vom Grafen gerügte Johannes Noviomagus leitete. Andreas Jacob Hoen wird am 4. Dezember 1600 Margarethe Stöver, Tochter des Pfarrers zu Hilchenbach und Ferndorf, Johann Georg Stöver, und der Demuth Stöver, geborene Hauff, heiraten. Andreas Jacob Hoens Schwager Johannes Stöver (1572-1651) war reformierter Theologe und ein mutiger Kämpfer für die Rechte seiner Kirche in schwerer Zeit. Stöver wandte sich in seinen Predigten gegen die von seinem Landesherrn, dem zum Katholizismus konvertierten Graf Johann dem Jüngere von Nassau-Siegen, wieder eingeführte römisch-katholische Lehre. Nachdem am 6. Juni 1626 das so genannte Reformations-Edikt, das die Ausübung der reformierten Religion im ganzen Siegerlande verbot, erschien, wurde Stöver 1627 des Landes verwiesen.

    Anna Marias Großvater, den sie selbst nicht mehr gekannt hatte, ist der am Hof hoch angesehene Magister, Pädagoge und Staatsmann Jost Hoen (um 1500-1569). Er beriet in schulischen und theologischen Fragen Graf Wilhelm den Reichen und unterrichtete als gräflicher Vertrauter die Grafensöhne Prinz Wilhelm von Oranien, Johann, Ludwig, Adolf und Heinrich. Die Großmutter Margaretha Hoen, geborene Welcker aus Diez, diente als Kammerfrau der Gräfin Juliane von Nassau-Dillenburg. Anna Marias Onkel Anton Hoen ist der nassau-diezische Landschreiber, Rentmeister, Amtmann und Befehlshaber der Grafschaft Diez. Dessen Sohn Philipp Heinrich, der nach seinen Studien Nachfolger des Althusius auf der juristischen Professur in Herborn wird und als Dillenburger Kanzleidirektor über längere Zeit die Programmatik der naussauischen Politik mit prägt, ist das berühmteste Mitglied der Familie Hoen. In der »Classis prima« des Herborner Pädagogiums war Philipp Heinrich Schüler seines eingeheirateten Vetters Johannes Gottsleben, dem er in Verbundenheit seine im Jahre 1598 zu Jena erschienene »Dissertatio de variis feudorum divisionibus« widmete.

Von Johannes und Anna Maria Gottslebens Kindern kennen wir vier Söhne und eine Tochter.

Matthias Gottsleben (* um 1589/90; † ??)

Der älteste Sohn ist der um 1589/90 geborene Matthias. Während sein Vater in der Residenzstadt Dillenburg die Stelle des Hofpredigers und Inspektors bekleidete, danach Pfarrer in Krombach war, besuchte Matthias von 1598/99 bis 1607 das Pädagogium zu Herborn und Siegen. In der fünften Klasse unterrichtete ihn Hans Bollig mit vierzehn Mitschülern. Zu der Zeit war der später berühmte Theologe, Pädagoge und Polyhistor Johann Heinrich Alsted (1588-1638) Schüler von Johannes Stöver (1572-1651) in der dritten Klasse des Pädagogiums. In der ersten Klasse bereitete sich Matthias bei Georg Pasor (1570-1637), der als Lexikograph und Grammatiker des Neuen Testaments bekannt wurde, auf die akademische Reifeprüfung vor. Ab 1607 studierte Matthias Theologie bei Johannes Piscator (1546-1625) an der damals wieder von Herborn nach Siegen verlagerten Hohen Schule.[8] Über seinen späteren Lebensweg liegen uns keine Nachrichten vor.

Johann Bernhard Gottsleben (* um 1595; † 1. November 1635)

Johann Bernhard, der zweitälteste, erblickte um 1595 das Licht der Welt und besaß einen recht regen Geist. Seine Leistungen am Pädagogium und während des 1614 unter den Professoren Johannes Piscator und Johann Jacob Hermannus (1553-1630) begonnenen Theologiestudiums [9] an der Herborner Hohen Schule waren sehr viel versprechend für eine spätere Anstellung im nassauischen Schul- und Kirchendienst. In der Residenzstadt Dillenburg wurde er bereits mit jungen Jahren Rektor der dortigen Lateinschule und erhielt danach eine besser dotierte Pfarrstelle in Frohnhausen. Anschließend war er an der Schlosskapelle Hofprediger beim fast gleichaltrigen Landesherrn Graf Ludwig Heinrich (1594-1662) und erster Pfarrer an der Stadtkirche. Die zum Andenken an seinen verehrten Lehrer Johannes Piscator 1625 gedruckte Leichenpredigt bereicherte Johann Bernhard Gottsleben mit einem lateinischen Trostgedicht. Das eigene schwere Schicksal, das er mit tiefem Schmerz und unerschütterlichem Glauben ertrug, zerstörte seine gesamte Familie in den verheerenden Jahren des Dreißigjährigen Krieges. Nachdem ihm bereits fünf Kinder gestorben waren, sind 1635 innerhalb eines fünfwöchigen Zeitraums seine Frau Magdalena, geborene Beigarten, und seine drei ihm verbliebenen Kinder Anna Margreth, Maria Magdalena und Johann Philipp Opfer der damals wieder wütenden Pest geworden. Der so schwer Geprüfte hat sein entsetzliches Unglück nicht lange überlebt. Durch die stetige Berührung mit seiner pestkranken Familie wurde er selbst angesteckt. Am 1. November 1635 verstarb auch Johann Bernhard. Zehn Tage nach dem Tod seiner letzten Tochter wurde er bei Frau und Kindern am 2. November 1635 bestattet. Sein Familienname starb mit ihm in Dillenburg aus. Die von seinem Freund Konrad Post(hius) (1613-1669), dem zweiten Dillenburger Pfarrer, in der Stadtkirche gehaltene »Christliche Klag- und Trostpredigt« wurde 1636 mit Trauer- und Trostgedichten seiner Freunde und Schüler Justus-Henricus Heidfeldt, Georgius Corvinus, Johannes Daum und R. G. in der Offizin Christoff Rab zu Herborn gedruckt.

Andreas Jacobus Gottsleben (* um 1600; † ??)

Andreas Jacobus, der dritte Sohn, wurde um 1600 geboren und wechselte nach bestandener Reifeprüfung am 7. Oktober 1620 von der ersten Klasse des Herborner Pädagogiums zur Hohen Schule. Im Jahre 1635 finden wir seinen Namen wieder in der zum Gedenken an das Schicksal seines hoch angesehenen Bruders Johann Bernhard gedruckten Leichenpredigt. Er war - wie seine bereits 1631 und 1634 im Krieg umgekommenen Vettern Erasmus und Philipp Heinrich (II.) Hoen - Soldat und diente als Fähnrich im niederländischen Söldnerheer (»Unirten Provincien Kriegsvolck«) zu Moers. Hier in Moers heiratete Andreas Jacobus am 8. Februar 1632 eine Catharina Schricks, die wohl kurz nach der Heirat verstorben ist. Bereits am 29. Januar 1634 heiratete Andreas Jacob - wiederum in Moers - Wilhelmina Braems.[10]
Die protestantische Republik der Vereinigten Niederlande bekämpfte nach Bruch des spanisch-niederländischen Waffenstillstands unter ihrem Statthalter Friedrich Heinrich (1584-1647), Prinz von Oranien, den 1621 wieder aufgeflammten spanischen Machtanspruch. Die Niederländer eroberten in diesem Krieg die Festungen Herzogenbusch und Wesel (1629), Maastrich (1632), Breda, Rheinberg und die Schenkenschanze (1637). An diesen Feldzügen wird auch Andreas Jacobus teilgenommen haben, seine Spur verliert sich 1635 nach seinem Besuch in Dillenburg in den Wirren des Krieges.

Margaretha Gottsleben (* um 1602; † 28. Februar 1678)

Tochter Margaretha ist das vierte uns bekannte Kind. Um 1602 geboren, heiratete sie etwa fünfzehn Jahre nach dem Tod ihres Vaters im Oktober 1627 den wohlhabenden Bäcker und späteren Herborner Bürgermeister Jost Rücker.[11] Von ihren Kindern kennen wir nur den um 1637 in Herborn geborenen Johann Jacob, der später Pfarrer und Inspektor in Nassau-Beilstein wird. Margarete lebte bis zu ihrem Tod am 28. Februar 1678 in Herborn.

Jodocus Wilhelm Gottsleben (* um 1604; † ??)

Das jüngste Kind ist der um 1604 geborene Jodocus Wilhelm. Er besuchte von 1615 an das Pädagogium zu Herborn und wechselte 1623 hinüber zur Hohen Schule.[12]Aus seinem weiteren Leben sind uns keine Überlieferungen bekannt.

Hofprediger in der Residenzstadt Dillenburg und Inspektor (1599-1604)

Von Graf Johann VI. zum Hofprediger und Inspektor der Kirchenklasse nach Dillenburg berufen, räumte Johannes Gottsleben im Schuljahr 1599/1600 seine Herborner Professorenstelle und übergab seinem jungen Nachfolger und ehemaligen Studenten, dem wegen seiner umfassenden Gelehrsamkeit allseits bewunderten Pädagogearchen und Professor der Theologie Matthias Martinius (1572-1630), die Schülerschaft des Pädagogiums.[13] Das Amt des Hofpredigers und Inspektors übernahm Johannes Gottsleben von seinem gleichaltrigen Allendorfer Landsmann und Professor für praktische Theologie, Bernhard Textor (1560-1602), und übte es fünf Jahre lang bis 1604 aus. Sein Nachfolger wurde der im elsässischen Straßburg geborene Prediger Johann Jacob Hermannus. Als am Hof beliebter Kanzelredner hielt Hermannus am 28. Oktober 1606 dem Grafen Johann VI. in der Dillenburger Kirche die Leichenrede. Auch nach seiner Versetzung an die Herborner Stadtkirche und Übernahme einer Professorenstelle an der Hohen Schule versah Hermannus über lange Jahre weiterhin das Amt des Dillenburger Hofpredigers. Bei Hermannus, der 1617 völlig erblindete, disputierte im Jahre 1620 Johannes Gottslebens zweitältester Sohn Johann Bernhard.

Dillenburg um 1575

Pfarrer in Krombach (1604-1612)

Im März 1604 erhielt Johannes Gottsleben noch den Auftrag, ein Kircheninventarium für die Dillenburger Pfarrklasse zu erstellen. Diese Arbeit konnte er nicht mehr beginnen, da er kurz darauf als Pfarrer an das Kirchspiel Krombach bei Siegen versetzt wurde. Das Pfarramt auf dem Lande hat seinen Anlagen wenig entsprochen. Mit seiner professoralen Art zu predigen erreichte er die ihm anvertraute bäuerliche Gemeinde nicht. Das Verhältnis der Krombacher zu ihrem geistlichen Hirten wird eher unterkühlt distanziert als vertrauensvoll gewesen sein. Während einer am 10. November 1611 durchgeführten Kirchenrevision beschwerte sich die Gemeinde über ihn bei Hofe. Seine Predigten seien zu »präcipitant und scholastisch, die Katechisation ginge schlecht«. Die abschätzige Bewertung seiner Amtsführung kam für Johannes Gottsleben völlig überraschend und hatte ihn tief getroffen, »es tat ihm sehr leid, weil ihm die Gemeinde in den sieben Jahren seiner Amtsführung kein Wort darüber gesagt hätte« (Steubing: Kirchengeschichte, S. 302). In Krombach nicht anerkannt und fremd geblieben, verstarb Johannes Gottsleben kurz nach der Kirchenrevision verbittert am 20. Februar 1612. Sein Nachfolger wurde der Siegener Diakon Johannes Buch.



Pfarrkirche Krombach


 



Deckblatt des Krombacher
Totenbuchs 1597-1672

 



Handschrift von Johannes Gottsleben 1605

    Nach dem Tod ihres Mannes zog die Witwe Anna Maria Gottsleben mit den drei jüngsten Kindern wieder zurück in ihre Heimatstadt Herborn, wo ihr Bruder Andreas Jacob Hoen als kaiserlicher Notar und Stadtschreiber amtierte. Auch besuchten ihre Söhne Matthias und Johann Bernhard hier das Pädagogium und die Hohe Schule. Obwohl Anna Maria Gottsleben beim Tod ihres Mannes gerade 42 Jahre alt war, hat sie nicht wieder geheiratet. Leider sind uns keine persönlichen Aufzeichnungen, die Johannes Gottsleben während seiner langen Berufsjahre gewiss angefertigt haben wird, erhalten geblieben. Sein Nachlass und seine Büchersammlung, die nach Schätzung seiner Frau über 300 Gulden wert waren, verbrannten bei der großen Feuersbrunst in Herborn.
   
Herborn wurde unter den nassauischen Städten von den Wirren des Dreißigjährigen Krieges am schwersten heimgesucht. Begünstigt durch seine Lage an der großen Heer- und Handelsstraße Köln-Leipzig, sah es in den Jahren 1623-1646 fast beständig Infanterie- und Kavallerietruppen in seinen Mauern und hatte trotz der hohen Kriegssteuern, die es zahlte, um von Durchmärschen und Einquartierungen befreit zu bleiben, alle Leiden zu tragen, die die Beherbergung bunt zusammen gewürfelter Kriegsvölker mit sich brachte. Durch einen Unfall bei einer militärischen Einquartierung kam es am 20. August 1626 zum größten bekannten Schadensfall in der Geschichte der Stadt, wobei 214 Gebäude nieder brannten. In dem vom Bürgermeister und dem Rat der Stadt Herborn für die Kollektoren Johannes Lott und Gerhard Holler ausgestellten Beglaubigungsschreiben heißt es: »Kundt und zu wissen sey hiemit öffentlich, nachdem leider gott erbarms mehr alss zuviel bekant, welcher gestalt jüngsthin den 20ten Augusti zu nachts umb neun uhr dieses 1626 jhars bey einlägerung des kayserlichen kriegsvolcks durch verwahrlosung des lichts von den reuterjungen in einem stall hinder dem rahtthaus der statt Herborn ein groser hochbetrübter und gantz verderblicher brandt uffgangen, dass nicht allein ermeltes rahtthaus sampt allem, was darin gewesen, sondern auch die begräbnuskirch, statttächer uff türn und mauern und alle bew daherumb schier die halbe statt in die äsch gelegt worden, wie leider der augenschein und anzahl der bew mehr als zu viel aussweiset.«

    Anna Maria Gottsleben verlor in diesem Inferno außer ihrem Wohnhaus all ihre Leinwand, »ohne ein etwas, so sie zu Dillenberg« hatte, ferner allen Hausrat, Zinnwerk, Kleidung »und alles, sampt ihres hern sel. buher allzumahl«. Ihr Gesamtschaden wird mit 1500 Gulden angegeben.[14] Eine Summe, die damals etwa zwölf Jahresbesoldungen eines Professors entsprach. Die Oberförster Schilt und Nol lieferten Anna Maria im Jahre 1630 Holz zum Wiederaufbau ihres abgebrannten Hauses. Sie wird in ihrem Alter die erlittenen Verluste nicht mehr verkraftet haben und starb noch vor der großen Pest, der 1635 die Familie ihres Sohnes Johann Bernhard in Dillenburg zum Opfer fiel.

Quellen

Dokumente der Hohen Schule Herborn werden im Hessischen Haupt-Staatsarchiv Wiesbaden aufbewahrt.
   Findmittel: Rep. um 1890 (handschriftlich), nach Sachgruppen gegliedert. I. Gründung, II. Beziehungen zur Landesherrschaft, III. Verfassung und Verwaltung der Hohen Schule, IV. Besondere Schicksale der Schule, V. Verbindung zum Paedagogium, VI. Rechnungen.
   Inhalt: 38 m Akten 1584-1817, vor allem über Gründung, Verfassung, Verwaltung und Schulvermögen, Personalakten der Professoren, Rechnungen von Schulklassen ab 1604 und des Klosters Thron 1750-1817.

Literatur

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Aus der Geschichte der Stadt Bad Sooden-Allendorf, 1218-1968. Hrsg. Vom Magistrat der Stadt. Red.: Horst Schütt. Bad Sooden-Allendorf, 1968.

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Becker, Emil: Johann Gottsleb. In: Heimatblätter zur Pflege und Förderung des Heimatgedankens. Beilage zur Dill-Zeitung 10 (1937), S. 12.

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Becker, Emil: Die Dillenburger Lateinschule in der nassauischen Zeit. Dillenburg: Weidenbach, 1939.

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Becker, Emil: Schloss und Stadt Dillenburg. Dillenburg: Magistrat, 1950 [Neuaufl. 1983].

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Bodmer, Jean-Pierre: Das Studentenstammbuch von Johann Jakob Breitinger (1575-1645). In: Zwingliana. Beiträge zur Geschichte des Protestantismus in der Schweiz und seiner Ausstrahlung 18 (1990), S. 213-233 [Nennung des Namens Gottsleben auf S. 220 und 227].

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Deutsches Geschlechterbuch Bd. 106 (1939), S. 615 u. Bd. 211 (2000), S. 212.

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Domarus, Max von: Der grosse Brand der Stadt Herborn im Jahre 1626 und die Kollekten für die Abgebrannten. In: Annalen des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung 33 (1902/03), S. 297-364 [S. 309, 337 u. 350 Nennung der Witwe Anna Maria Gottsleben].

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Dülmen, Richard van: Entstehung des frühzeitlichen Europa. 1550-1648. Frankfurt a. Main: Fischer, 1989. (= Fischer Weltgeschichte; 24).

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Heiler, Carl: Der Herborner Student 1584-1817. In: Nassauische Annalen 55 (1935), S. 1-100.

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Hoffmann, Ansgar u. Anne Schulte-Lefebvre: Ortsfamilienbuch Krombach, 1461–1795. Plaidt: Cardamina-Verl., 2009. [Auszug aus dem Vorwort: »Die hier ausgewerteten Kirchenbücher gehören zu den ältesten Deutschlands. (…) Als Persönlichkeiten ragen der Pfarrer Johann Gottsleben und der Bergmeister Johann Heinrich Jung hervor. Der eine als bedeutender Theologe seiner Zeit, der andere als einer der Vordenker des modernen Bergbaus und Onkel des über das Siegerland hinaus bekannten Augenarztes, Schriftstellers und Goethe-Freundes Jung-Stilling.«]

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Die Matrikel der Hohen Schule und des Pädagogiums zu Herborn. Hrsg. von Gottfried Zedler und Hans Sommer. Wiesbaden: Bergmann, 1908. (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau ; 5), S. VI, 188, 193, 197, 203, 218 (Anm. 2) u. 219.

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Menk, Gerhard: Die Hohe Schule Herborn in ihrer Frühzeit (1584-1660). Ein Beitrag zum Hochschulwesen des deutschen Kalvinismus im Zeitalter der Gegenreformation. Wiesbaden: Historische Kommission für Nassau, 1981. (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Nassau ; 30).

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Pieper, Hartmann: Der Herborner Zweig der Familie Hoen. In: Hessische Familienkunde 3 (1955), Sp. 229-232.

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Rädlein, Martin Otto Johannes: Aus der Geschichte von Bad Sooden-Allendorf. In: Lückert, Manfred: Bad Sooden-Allendorf und Umgebung. Bad Sooden-Allendorf: Eigenverl. Lückert, 1992, S. 4-10.

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Renkhoff, Otto: Johannes Gottsleben. In: Nassauische Biographie, Kurzbiographien aus 13 Jahrhunderten. 2., vollst. überarb. u. erw. Aufl. Wiesbaden: Historische Kommission für Nassau, 1992, S. 241.

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Schmidt, Sebastian: Glaube, Herrschaft, Disziplin. Konfessionalisierung und Alltagskultur in den Ämtern Siegen und Dillenburg (1538-1683). Paderborn [u.a.]: Schöningh, 2005. (= Forschungen zur Regionalgeschichte ; 50), S. 307 u. 310 [hier Nennung des Namens Gottsleben].

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Schröder, Edward: Nachwort. In: Personen- und Ortsregister zu der Matrikel und den Annalen der Universität Marburg 1527-1652. Marburg, 1904, S. 265-281.

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Steubing, Johann Hermann: Geschichte der Hohen Schule Herborn. Hadamer: Gelehrten-Buchhandlung, 1823, S. 72, 197 u. 198 [hier jeweils Nennung des Namens Gottslebius].

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Steubing, Johann Hermann: Kirchen- und Reformationsgeschichte der Oranien-Nassauischen Lande. Hadamar: Neue Gelehrten-Buchhandlung, 1804, S. 302 [hier Nennung des Namens Gottslebius].

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Steubing, Johann Hermann: Topographie der Stadt Herborn. Marburg: Neue akademische Buchhandlung, 1792. (= Materialien zur Statistik und Geschichte der Oranien Nassauischen Lande ; 1), S. 67 [hier Nennung des Namens Gottslebius].

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Vogel, Christian Daniel: Nassauisches Taschenbuch. 1832, S. 39 [hier Nennung des Namens Gottsleben].

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de Wal, Johann: Johann Gottsleben. In: Allgemeine deutsche Biographie 9 (1879), S. 509.

Anmerkungen

[1] Das Geburtsdatum wurde der Nassauischen Biographie entnommen. Das Deutsches Geschlechterbuch gibt als Geburtsdatum um 1555/56 an.

[2] Marburg: Joh. Gottsleben 1574 u. 1579 (Gotsleben, Gotslebius) aus Allendorph. Quelle: Personen- und Ortsregister zu der Matrikel und den Annalen der Universität Marburg 1527-1652 / bearb. von Wilhelm Falckenheiner. Marburg: Elwert, 1904, S. 68.
Kommilitonen von Johannes Gottsleben sind auch im Marburger Stipendiatenbuch verzeichnet: (1573)-Anfang 1575 Liborius Thoma von Allendorf, begegnet 1594 und noch 1627 als Pfarrer in Orpherode (St. Allendorf). S. 18, Nr. 268. -- 22/9 1573-20/6 1576 Matthias Turmann von Allendorf, Sohn des Bürgers Turmann, 1576 ff. Schulmeister (St. Allendorf). S. 18, Nr. 277. -- 25/4 1575-1580 Heinrich Riem von Allendorf, begegnet 1613 als Pfarrer in Seifertshausen (St. Allendorf). S. 20, Nr. 297. -- 27/4 1575-1/4 1580 Israel Engelhard von Allendorf, Sohn des Kaplans Johannes Engelhard (1539 Stud. in Marburg), begegnet 1587 und 1607 als Pfarrer in Weidebach, 1613 und 1622 als Pfarrer in Malsfeld (St. Allendorf). S. 20, Nr. 298. Quelle: Stipendiatenbuch der Universität Marburg für die Zeit von 1564 bis 1624 / zusammengestellt von Wilhelm Diehl. Marburg: Elwert, 1908.
Jena:
Joh. Gotslebius, Aldendorphen. Hassus. 1586 a [a = Sommersemester Februar bis August], 7. In: Die Matrikel der Universität Jena. Bd. 1, 1548-1652 / bearb. von Georg Mentz in Verb. mit Reinhold Jauerning. Jena: Fischer, 1944 (= Veröffentlichungen der Thüringischen Historischen Kommission ; Bd. 1), S. 125.

Personen- und Ortsregister zu der Matrikel und den Annalen der Universität Marburg 1527-1652 / bearb. von Wilhelm Falckenheiner. Marburg: Elwert, 1904.
Umschlag und Vorwort, S. I-XIV.

[3] Der Pädagogearch war als ordentlicher Professor der Philosophie Mitglied des Senats. Diese Regelung gilt für Lazarus Scholer, der als erster Pädagogearch in den Akten festgestellt werden kann (HStAW 171 H 322 b fol. 14; 17. XII. 1586), über Hieronimus Treutler (HStAW 95, 1684 fol. 14), Johannes Gotslebius 1590 (HStAW 95, 1684), M. Martinius bis 1600 (HStAW 95, 782 fol. 102 + 103) und Henrich Dauber ab 1600. Mit Johann Heinrich Alsted, der 1609 nach der Rückkehr von Siegen den Posten des Pädagogearchen von Henrich Gutberleth übernimmt, fällt nach Menk zum ersten Mal kurzzeitig die Funktion des Pädagogearchen mit der Übernahme der Präzeptorenstelle der 1. Klasse zusammen (HStAW 95, 1990 fol. 44 + 47). Diese Lösung war nach Steubing jedoch schon früher üblich, da der Pädagogearch die Schüler, die höher befördert werden sollten, so angemessener als ihr Lehrer und aus eigener Erfahrung beurteilen konnte.
    Nach Alsted haben Gotslebius, Gutberleth bis zu seinem Weggang nach Hamm, Pasor und Ph. L. Piscator zum Teil langjährig das Pädagogearchenamt innegehabt. Vgl. Gerhard Menk: Die Hohe Schule Herborn in ihrer Frühzeit (1584-1660). Wiesbaden: Histor. Komm. für Nassau, 1981, S. 171 (Fußnote 234) u. Johann Hermann Steubing: Geschichte der Hohen Schule Herborn. Hadamer: Gelehrten-Buchhandlung, 1823, S. 72 [Der Philosophen große Zahl ist folgende: Johannes Pincier, Hermann Gernberg auch Germberg, Lazarus Schonerus, Hieron. Treutler, Joh. Gottslebius, Joh. Volpershausen, Otto Melander, Henr. Dauber, Gilbert Jacchäus, Ernst Nolte, Henr. Gutberleth (...)] u. S. 197 [Älteste Classen-Präceptoral-Besoldungen. Die ältesten Besoldungen standen so: 1584 Schonerus, Pädagogearch 115 fl., Jac. Dickhutius, Präceptor 2te Classe 115 fl., Henrich Heidfeld 3te Classe 70 fl., Henrich Colbius 4te Classe 40 fl., Joh. Nobis 5te Classe 20 fl. 1588, 1589 Gottsleben, Pädagogearch 1te Classe 120 fl., Sturio, Präceptor 2te Classe 120 fl., Noviomagus 3te Classe 100 fl., Hoffius 4te Classe 80 fl., Hans Bollig 5te Classe 40 fl.] u. S. 198 [Chronologisches Namenverzeichnis der Pädagogearchen, welche an der ersten Classe gelehret haben: 1. M. Lazarus Schonerus 1586, 1587. 2. M. Hesius, auch Husius 1587. 3. Johannes Gottslebius 1587, 1588, 1589. 4. Joh. Bisterfeld 1591-1597. 5. Matthias Martinius 1599, 1600 (…)].

[4] Die Schulgesetze (leges scholae) erteilten den Professoren folgende Vorschriften. Für die drei Professoren der Theologie heißt es: »Der erste Professor soll alternirend ein Buch des Alten oder Neuen Testaments vorschriftsmäßig erklären. Der zweite und zugleich Pfarrer soll practische Anweisungen geben und auf die Irrlehren Rücksicht nehmen. Der dritte soll die Gemeinplätze vortragen, und in einem Jahr die ganze Theologie endigen; das Hebräische lehren und cursorische Bibellectionen halten. Sie sollen die Studenten im Predigen und Vortrage üben, sie anweisen, Gegner zu widerlegen, und einer soll alle Sonntage um 3 Uhr mit den drei obersten Classen [des Pädagogiums] Bibelübungen halten.« Den beiden Professoren der Jurisprudenz schrieb man vor: »Die Professoren sollen über Institutionen und Pandecten verordnungsgemäß lesen; nützliche Rechtslehren nach der Fähigkeit ihrer Zuhörer erklären; die neueren Rechtsinterpreten Alciat, Duaren, Eujatz, Donell und andere Reformatoren nachahmen. Keiner soll Professor werden, der nicht nach diesen gelernt hat und lehren will; die Institutionen soll er in einem Jahre endigen. Einer der beiden Professoren soll an dem Samstag Morgens, da die Reihe bei dieser Facultät ist, öffentlich disputiren lassen; ihre Studenten im Schreiben und Ausarbeiten üben, und von einem derselben jeden Monat eine juristische Rede halten lassen.« Philosophie und Medizin lehrten drei Professoren: »Der erste Professor soll die Hauptsätze der Physik und eine Einleitung in die Arzneigelehrtheit vortragen; der zweite die Geometrie, Sphäre, Cosmographie, Naturhistorie und Ethik lehren; der dritte die Dialektik des Ramus; die griechische Sprache nach einem Dichter oder Prosaiker. Alle sollen alles Wahrheitswidrige, wo es sich vorfindet, mit Gründen widerlegen, und Philosophie als Dienerin der Theologie vorstellen.« Zu den Gesetzen der Schule vgl. Johann Hermann Steubing: Geschichte der Hohen Schule Herborn. Hadamer, 1823, S. 45 ff. u. 69 f.

[5] Das akademische Pädagogium (niedere Schule) nannte man die Klassen, die mit der Hohen Schule eng verbunden waren. Die Klassen wurden von 4 Präzeptoren unterrichtet. Der Präzeptor der obersten Klasse (Prima) war zugleich Professor an der Philosophischen Fakultät und hatte als Leiter (Pädagogearch) die Aufsicht über das Pädagogium, die Präzeptoren und Schüler, deren Disziplin er nach den Schulgesetzen verwaltete.

[6] Am 3. Februar 1585 schrieb Graf Johann an Gerhard Eobanus Geldenhauer (Noviomagus), der für die Errichtung einer Grafenschule 1581 eine ausführliche Denkschrift erarbeitet hatte, »daß die Kosten der Schule zu Herborn auf die jährliche Unterhaltung 12 oder 13 Professoren, wie auch der Communität (dazu er neben andern Steuern den Hof Nesselgrund gegeben) sehr groß und ihm fast schwer fielen; deßgleichen wären ihm zu Erbauung des Schlosses zu Herborn, wo nicht allein gelesen, sondern auch Communität gehalten würde, wo auch etliche Präceptoren und Studiosi Logementer hätten, viele Unkosten drauf gegangen«. Und an den Grafen Wolff zu Eisenburg schrieb er im gleichen Jahr: »Das arme Schulchen zu Herborn, welches mich dies Jahr über 3 und beinahe an die 4000 fl. kostet.« Trotz der hohen Aufwendungen wurden die Lehrer unregelmäßig bezahlt. Der Professor Gerenberg beschwerte sich im Februar 1585 über Mangel und Not, da ihm erst ein Quartal Besoldung ausgezahlt worden war und er, um nicht Brotmangel zu leiden, Korn geborgt und den ganzen Winter durch nur Wasser getrunken habe. Vgl. Johann Hermann Steubing: Geschichte der Hohen Schule Herborn. Hadamer, 1823, S. 29 u. 33 f.

[7] Als Grundlage aller wissenschaftlichen Bemühungen war der Ramismus in den Statuten der Hohen Schule vorgeschrieben. Die ramische Wissenschaftstheorie setzte weithin die wissenschaftlichen Akzente, die die Herborner Buchpublikationen und die Form der Lehre so unverwechselbar im kalvinistischen Deutschland machten. Petrus Ramus (Pierre de la Ramée, 1515-1572, bekannter unter seiner latinisierten Namensform), französischer Humanist, Mathematiker und Philosoph griff als Gegner der scholastischen Tradition die aristotelische Logik an. Seine beiden Schriften gegen Aristoteles brachte die Sorbonne gegen ihn auf, dennoch wurde er der erste Mathematikprofessor am Collège royale (Collège de France). Seine »natürliche« Logik verquickt Logik und Rhetorik. 1562 trat er zum Kalvinismus über. Viel angefeindet, musste er Paris verlassen und lehrte zeitweise in Heidelberg, wo er Vorlesungen über Cicero hielt. Seine 1555 veröffentlichte Dialectique ist das erste philosophische Buch in französischer Sprache. Pierre de la Ramée wurde in der Bartholomäusnacht ermordet.

[8] Pädagogium: 1) Semestri hyberno [1598/99]: (...) 5. Klasse: Matthias Gotslebius Herbornensis. 2) Semestri aestivo [1599] facta fuit divisio scholae, ita ut pars Sigenae remanserit, altera Herbornam commigrarit. Herbornam ex paedagogei classibus statim divisione facta commigrarunt sequentes: (...) Ex quinta: (...) Matthias Gotslebius Herbornensis. 3) Catalogus discipulorum paedagogei Herbornensis, qui partim ab antecessore meo, magistro Johanne Godslebio, traditi, partim per me in disciplinam suscepti fuerunt anno 1599 a mense Sept. usque ad anni 1600 10. Octobr. Matthias Martinius Freienhagensis (...) Quarta classis: (...) Matthias Godslebius Herbornensis. 4) Post examen autumnale [1604]: (...) 2. Klasse: Matthias Gotslebius Herbornensis. -
Hohe Schule: Johannes Bisterfeldius scholae rector renuntiatus est Sigenae 7. die Julii [1]607. (...) Sequentes post autumnale examen ex classe prima ad scholam publicam dimissi: (...) 13. Matthias Gotslebius Herbornensis theol. stud., 3. Octobris 1607. Quelle: Die Matrikel der Hohen Schule und des Pädagogiums zu Herborn, [1309] S. 49, [1112] S. 216, [1158] S. 217, [1338] S. 223, [1693] S. 232.

[9] Pädagogium: Post examen vernum 1607: (...) 5. Klasse: Johannes Bernhardus Gotslebius Herbornensis. - Semestre aestivum anni 1609. Anno Christi 1609 die 15. Martii illustris schola Nassovica ex mandato illustrium et generosissimorum comitum Nassovicorum Sigena Herbornam denuo migravit, cum in paedagogeo, quod erat Sigenae, hi essent discipuli. N.B. Astericus appositus notat nomina illorum, qui Sigena secuti sunt Herbornam. (...) In quarta classe, cui praefuit Johannes Menius Heigeranus Nassov. (...) * Johannes Bernhardus Godslebius Herbornensis. -
Hohe Schule: Anno 1614: (...) 29. Johan. Bernhardus Gotslebius Herbornensis, Exempti ex paedagogeo 11. Maii 1614. - Gottsleben als Respondent in Herborner Dissertationen: 1614 in theologischer Dissertation unter Professor Johannes Piscator und 1620 ebenfalls in theologischer Dissertation unter seinem Lehrer Professor Johann Jacob Hermannus. Quelle: Die Matrikel der Hohen Schule und des Pädagogiums zu Herborn, [1678] S. 63, [1825] S. 235, [2074] S. 243 u. S. 711-728 = Zeitlich geordnetes Verzeichnis der in den Herborner Dissertationen als Respondenten auftretenden Studenten der Hohen Schule: [Nr. 247] S. 717 u. [Nr. 347] S. 719 u. Antonius von der Linde: Die Nassauer Drucke der Königlichen Landesbibliothek in Wiesbaden. I. 1467-1817. Wiesbaden: Feller & Gecks, 1882, S. 170 u. 253.

[10] Matrikel: Martinus Schickhard utriusque iuris doctor et professor scholae Nassovicae Herbornensis rector electus et quarto die Julii anno 1620 more recepto publice proclamatus sequentium studiosorum nomina inscripsit: (...) Sequentes 10 ex paedagogeo emissi 7. Oct. 1620 inscripti sunt: (...) 4. Andreas Jacobus Gotslebius Herbornensis. Quelle: Die Matrikel der Hohen Schule und des Pädagogiums zu Herborn, [2007] S. 75. - Hinweis im Jahre 1635 auf Andreas Gotslebius, »Fendrichen der Unirten Provincien Kriegsvolck zu Mörß«, in der Ansprache zur gedruckten »Christlichen Klag- und Trostpredigt« beim Begräbnis seines Bruders Johannes Bernhard. - Bei der ersten Heirat 1631 Kirchenbucheintrag von Andreas Jacob unter Andres Gotsleben oo Catharina Schricks, am 8.2.1632 unter Andries Gofforsleben oo Cattrina Schricks und bei der zweiten Heirat am 29.1.1634 Kirchenbucheintrag unter Andreas Jacob Gottsloben oo Wilhelmina Braems. Quelle: FamilySearch (Januar 2015; hier: Deutschland, Heiraten 1558-1929).

[11] Hinweis auf Margaretha Gottslebens Heirat bei Max von Domarus »Ein Opfer der Pest von 1635 in Dillenburg« und Nennung ihres Mannes Jost Rücker (* um 1597 in Herborn; † 15.08.1648 in Herborn), Jüngern Bürgermeister zu Herborn, in der Ansprache zur gedruckten »Christlichen Klag- und Trostpredigt« beim Begräbnis ihres Bruders Johannes Bernhard. - Auch Deutsches Geschlechterbuch Bd. 106 (1939), S. 599 u. Bd. 211 (2000), S. 200.

[12] Pädagogium: 1) Anno 1615: (...) 5. Klasse: Jodocus Wilhelmus Godslebius Herbornensis, venit ex civica schola. die 27. Aprilis. 2) Anno post Christum natum supra millesimum sexcentesimum vigesimo die 16. Octobris paedagogei Nassovici gubernatio commissa est mihi magistro Philippo-Ludovico Piscatori Herbornensi Nassovico. Nomina eorum, quos in paedagogeo Herbornensi discentes inveni, cum reverendus vir Georgius Pasor, s. theologiae professor, inspectionem paedagogei mihi traderet (...) In classe secunda, cui praefuit Jacobus Hoffmannus (...) Jodocus-Wilhelmus Gotslebius Herbornensis. -
Hohe Schule: Anno Christi 1623 die 12 Augusti rector scholae Herbornensis renunciatus est Martinus Schickhard utriusque iuris doctor, a quo sequentes in album studiosorum inscripti et relati sunt: (...)
8. Jodocus Wilhelmus Gotslebius Herbornensis. Quelle: Die Matrikel der Hohen Schule und des Pädagogiums zu Herborn, [2170] S. 82, [2472] S. 260, [2817] S. 273.

[13] Catalogus discipulorum paedagogei Herbornensis, qui partim ab antecessore meo, magistro Johanne Godslebio, traditi, partim per me in disciplinam suscepti fuerunt anno 1599 a mense Sept. usque ad anni 1600 10. Octobr. Matthias Martinius Freienhagensis. Quelle: Die Matrikel der Hohen Schule und des Pädagogiums zu Herborn, S. 219.

[14] Die Brandliste schreibt »Gottleri Wittib«; Steubing, Topographie der Stadt Herborn, S. 144, Nr. 91 macht daraus »Gortlers Wittib«; richtig gibt ihren Namen die Kollektenrechnung wider.
»Verzeichnus, wasz einem jeden burger in der stadt Herborn den 20. Augusti 1626 durch den schadlichen brandt ist in die asche gelegt worden« [Nr. 67. (91), S. 13].- Name: Anna Maria M. Gottslöbii Witwe. - Verbranntes Hab und Gut: Alle Leinwand »ohne ein etwas, so sie zu Dillenberg«, all ihr Hausrat, Zinnwerk, Kleidung »und alles, sampt ihres hern sel. buher allzumahl, so sie uf 300 Gulden schetzt«.- Wert in Gulden und Albus: 1500.- Entschädigung in Gulden, Albus und Pfennigen: (16) 46 G. 21 A. - Von Irlen ist für sie an Stoffel von der Mühlen eine Anweisung erhalten; sie datiert vom 28. Juli 1629. »Von dem gelde, so von Anna erlegt worden oder erlegt werden soll, soll Anna Marie ehrn Gottslöbii s. witwe haben fünfundzwantzig reichsthr.« Über diese von Stoffel ausgezahlte Summe quittierte für die Witwe am 16. Oktober 1629 ihr Bruder, der Stadtschreiber Andreas Jacob Hoen. Vgl. Max von Domarus: Der große Brand der Stadt Herborn im Jahre 1626 und die Kollekten für die Abgebrannten, S. 309, 337 u. 350.

Stand: Januar 2015
Klaus Gottsleben
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